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Digitalisierung von Versicherungen: Evolution oder Revolution?

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Versicherungen sind in unserer westlichen Welt ein gigantischer Markt. Gerade gestern las ich einen Artikel in der vorletzten Ausgabe des spannenden Wirtschaftsmagazin Brand Eins, in dem ein israelischer Psychologe von den zwei Dingen sprach, die den Bürgern der „freien Welt“ Angst machen. Da ist einmal die Angst vor dem Tod und auf der anderen Seite die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Jedes Mal, wenn wir uns für eine Sache entscheiden, entscheiden wir uns gleichzeitig gegen die Alternativen.

Vielleicht ist die Angst vor den Folgen falscher Entscheidungen ein Grund für den Boom von Versicherungen in westlichen Gesellschaften. Fakt ist, dass die Versicherungsbranche eine sehr traditionsreiche und schwerfällige Industrie ist. Wie stehen die Chancen für innovative Unternehmen, den Großen der Branche Marktanteile abzujagen?

Der Begriff Fintech dürfte den meisten Lesern mittlerweile ein Begriff sein. In der Finanzbranche gilt es mittlerweile als wahrscheinlich, dass Internet-Startups den klassischen Banken Marktanteile abjagen können. Man denke etwa an den Boom von Digitalwährungen oder die sogenannten Robo-Advisor, die dem User anhand eines standardisierten Fragebogens einen Vorschlag zu geeigneten Geldanlagen machen.

Auch wenn der Marktanteil der Robo-Advisor noch sehr gering ist: Sinn macht ihr Angebot vor allem bei der Auswahl von passiven Geldanlagen, denn Banken verdienen viel Geld mit aktiv gemanagten Fonds, während die Kunden auf lange Sicht fast nie vom aktiven Umschichten profitieren, sondern im Gegenteil im Vergleich zu passiven Geldanlagen draufzahlen.

Persönlicher Ansprechpartner wichtig bei Versicherungen

Zurück zu den sogenannten InsuranceTech-Unternehmen. Die Gothaer-Versicherung hat eine Studie zur Digitalisierung von Versicherungen in Auftrag gegeben. Demnach erwarten drei von vier Befragten digitale Angebote und Service bei Versicherungen. Am interessantesten finde ich die entscheidenden Faktoren bei der Versicherungswahl. Für 88 Prozent der Befragten war ein persönlicher Ansprechpartner wichtig. Transparente Leistungen und ein „Guter Rundumservice“ kamen auch auf jeweils etwa 80 Prozent Zustimmung.

Was wünschen sich die Menschen von einer digitalen Versicherung? Mit 86 Prozent Zustimmung mit Abstand vorne: Kommunikation über verschiedene Kanäle. Eine digitale Schadensabwicklung war für 57 Prozent der Kunden wichtig, während der Online-Videochat mit einem Berater nur für 44 Prozent der Menschen wichtig war.

Überrascht hat mich auch, wie gering der Anteil von Online-Abschlüssen bei Versicherungen ist. Sowohl bei der Krankenzusatzversicherung als auch bei der Haftpflicht- und Hausratsversicherung beträgt der Online-Anteil nur etwa 25 Prozent.

Ich bin erstaunt. Offenbar unterscheide ich mich von einem Großteil der Bevölkerung. Ich habe  meine Haftpflichtversicherung über das Internet abgeschlossen. Ich freue mich über Vergleichsportale, durch die ich Preise vieler Versicherungen auf einen Blick sehe. Durch das Internet ist die Transparenz auch in diesem Bereich viel größer geworden.

Videochat keine vollwertige Alternative zum persönlichen Kontakt

Ich bin ebenso froh darum, mir in aller Ruhe die Regelungen der Versicherung durchlesen zu können, ohne dass mir ein Versicherungsvertreter in meine Entscheidung reinquatscht. Ich benötige keinen persönlichen Ansprechpartner. Ich verlasse mich darauf, dass die Versicherung im Schadensfall für versicherte Schäden aufkommen wird.

Doch was können wir aus der Studie lernen? Zum einen sticht mir ins Auge, dass fast neun von zehn Menschen bei Versicherungen auf persönlichen Kontakt wertlegen, während der Online-Videochat nur für 44 Prozent ein wichtiger Punkt ist. Scheinbar brauchen viele Versicherungsnehmer einen persönlichen Ansprechpartner vor Ort, von dem sie das Gefühl haben, dass er sich persönlich für ihre Belange einsetzt. Gerade Menschen, die viele Versicherungen besitzen, dürften eine große Skepsis gegenüber allem Neuen, Unbekannten und damit potentiell Risikoreichen besitzen. Und das Internet ist für einen guten Teil der Menschen nunmal noch „Neuland“.

Vielleicht ist es also so, dass im Markt der Versicherungen eher eine Evolution stattfindet als eine radikale Umwälzung des Marktes. Der Brutkasten kommt in seiner Analyse zu diesem Fazit. Der fundamentale Unterschied zum Finanzbereich sei, dass Kunden gegenüber Banken das Vertrauen verloren hätten, Versicherer hingegen dieses schlimme Image nicht besäßen.

Der gläserne, gesunde Mensch könnte günstige Preise bekommen

Klar ist, dass die Digitalisierung den Versicherern ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Versicherte können sich etwa dabei filmen, wie sie mit dem Auto durch die Gegend fahren und bei entsprechender Fahrweise günstigere Autoversicherungen erhalten. Ausdauersportler können mit den neuen smarten Geräten nachweisen, welche Distanzen sie zurückgelegt haben und dabei Daten wie den eigenen Puls an die Versicherer senden. Bei regelmäßigem Sport können dann etwa Krankenversicherer diesen fitten Menschen bessere Angebote unterbreiten. Der Solidaritätscharakter von Versicherungen bliebe dabei auf der Strecke. Für die weniger fitten oder datenbewussten Menschen würde die Versicherung vermutlich teurer, wenn viele Menschen an solchen Modellen teilnehmen.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass man über das Internet sehr individuelle Versicherungen anbieten kann, die genau auf den jeweiligen Kunden zugeschnitten sind. So ist ein Online-Fragebogen denkbar, in dem der Kunde die gewünschten Versicherungsleistungen anwählt. Währenddessen schreibt ein Algorithmus im Hintergrund schon den Versicherungstext und ermittelt den entsprechenden Preis. Aber vielleicht gehe ich hier wieder zu sehr von meiner Person aus. Wenn die Menschen einen persönlichen Ansprechpartner wollen, dann suchen sie weiterhin den Versicherungsvertreter ihres Vertrauens auf.

Es ist ein spannender Markt. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

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Autor: Alltagsoekonom

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