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„Auch für Theologen“: Erfahrungsbericht von der Reeperbahn

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Dokus über die Reeperbahn gehen im Fernsehen immer. Love, Sex and Crime sind die Themen, die Menschen zur Fernbedienung greifen lassen. Zumindest von Sex und Crime gibt es auf der Reeperbahn eine Menge, aber das ist noch nicht alles.

Es glitzert und leuchtet überall auf der „Großen Freiheit“, der Vergnügungsmeile in einer Seitenstraße der Reeperbahn. Diskotheken und Bars locken ebenso wie Striplokale mit Sonderangeboten und freiem Eintritt. Die meisten Menschen befinden sich jedoch auf der Straße, es herrscht dichtes Gedränge.

Ein braungebrannter Typ mit dunklen Haaren kommt mir entgegen und macht demonstrativ keinen Zentimeter Platz, so dass wir mit dem Oberkörper zusammenstoßen. „Der typische Klischee-Asi, den man hier vermutet“, denke ich. Da hat sich wohl einer zu viel bei Stefan Hentschel abgeschaut, dem bekannten Zuhälter, der vor laufender Kamera einem glotzenden Passanten eine krachende Ohrfeige mitgibt.

Ein Großteil der Leute, die dort flanieren, fällt jedoch nicht ungewöhnlich auf. Otto-Normal würde ich sagen, viele Paare sind dabei. In einer Bar kosten alle Getränke jeweils 99 Cent. Fast jeder Laden hat einen Animateur auf der Straße stehen, der die Leute anquatscht und in sein Lokal zu locken versucht. Dazu später noch eine kleine Anekdote.

An der Ecke zwischen Reeperbahn und Großer Freiheit gibt es einen Schnellimbiss ohne Sitzgelegenheit. Zu späterer Stunde stehen hier die Leute nebeneinander und schieben sich gierig die Burger in den Mund. Junggesellenabschiede finden sich eine Menge. Ein junger Mann mit Schamhaarperücke zieht etwa biertrinkend mit seinen Kumpels durch die Straßen.

Überall diese Lichter, die vielen Menschen, die Sexlokale und Kneipen. Die Türsteher und leicht bekleideten Frauen, die mich nun auf bei meinem Spaziergang über die Reeperbahn anlabern. Ich bin überfordert. Ein paar Schritte weiter zeigt sich die andere Seite der Reeperbahn. Etliche Obdachlose liegen auf alten Matratzen oder in Schlafsäcke gehüllt an der Gebäudewand. Es folgt noch das Kasino, in dem einige fein gekleidete Herren an der Kasse um Einlaß bitten.

Ich wechsle die Straßenseite und werde von einer jungen Frau mit der Frage: „Bist du allein?“ am Arm gefasst. Doch ich reagierte wie der Prior von Kingsbridge und starrte in die Luft, bevor sich menschliche Gelüste in mir entfalten konnten;) Ich ahnte schon, dass die Herbertstraße nicht mehr weit sein kann und tatsächlich: Die Hamburger Puffstraße liegt nur etwa 30 Meter entfernt. Sagte mir der Stadtplan später;)

An einem anderen Tag ging ich noch einmal tagsüber über die Reeperbahn. Vor einem Striplokal sprach ein Mann mittleren Alters, Lederjacke und lässig nach hinten gegelte Haare, lautstark die Leute an und versuchte diese in den Laden zu ziehen. Und auch ich blieb nicht verschont. Ich trug meine ewig alte Brille und eine Zeitschrift zusammengerollt in der hinteren Hosentasche. Als ich auf seinen Gesprächsversuch nicht einging, lief er neben mir her und sagte: „Freier Eintritt in den Laden. Einfach mal reinschauen. Gilt auch für Theologen!“ Da musste ich lachen, ein Kollege von ihm prustete auch los.

Doch auch bei Tageslicht fielen mir die vielen Obdachlosen auf der Vergnügungsmeile auf, die auf dem Boden saßen, schliefen oder Bier tranken. Auf abgewetzten Matratzen und dreckigen Decken. So faszinierend die Glitzerwelt auf der einen Seite auch sein mag – beim Anblick dieses Elends bekam ich das Gefühl, dass all die Lichter eine Fassade darstellen von einem Ort, der bei näherem Hinsehen ganz schön trist ist.

photo credit: txmx 2 via photopin cc

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Autor: Alltagsoekonom

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