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„Zementierung der Fronten zwischen Rechts und Links“ – Leserbrief an den Spiegel

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Ich habe im letzten Halbjahr fast jede Ausgabe des Spiegel gelesen. Erst hat mir die Lektüre gefallen. Dann habe ich ein paar Dinge hinterfragt und sehe das Magazin nun nicht mehr so positiv wie zu Beginn.

Folgenden Brief schrieb ich an den Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer. Ich bin gespannt auf Eure Meinung zu meiner Kritik und zum Magazin Spiegel und SpiegelOnline.

Guten Tag Herr Fleischhauer,

ich nutze diesen ruhigen Sonntag nun einmal, um Ihnen meine Meinung zu Ihrer Kolumne und zum Spiegel allgemein darzulegen.

Das hier wird keine wissenschaftliche Abhandlung, viel mehr soll es um meine generellen Eindrücke gehen.

Zunächst zu meiner Person: Ich bin 32 Jahre alt, habe Volkswirtschaftslehre studiert und interessiere mich erst seit kurzem ernsthaft für Politik. Ich habe den Spiegel in den letzten vier bis fünf Monaten Woche für Woche gelesen und lese auch Spiegel Online / Spiegel Plus.

Berechtigter Kontrapunkt in Ihrer Kolumne bei #MeToo

Dann zu Ihrer Kolumne: Ich erinnere mich daran, dass ich mehrere Male beim Lesen Ihrer Kolumne den Impuls hatte, Ihnen zu schreiben. Weil sie etwas in Worte gefasst hatten, was ich wohl auch so gefühlt habe, jedoch nicht gedanklich fassen konnte.

Ich beziehe mich jetzt auf Ihren Artikel zur Metoo-Debatte, als Sie treffenderweise anmerkten, dass Hardcore-Feministinnen oft Menschen, die anderer Meinung sind, die grundlegenden Rechte nicht zugestehen, die sie für sich so vehement einfordern. Sie haben ja Attacken auf Sie als Person gerichtete Attacken zu spüren bekommen, als Sie in der Debatte um eine naive Praktikantin anmerkten, dass diese mit einem sexbereiten Mann bei nächtlicher Einladung rechnen muss.

Es geht diesen feministischen Furien nicht mehr um den Austausch von Argumenten und die Sache, sondern darum, die eigenen Standpunkte mit allen (unfairen) Mitteln in der gesellschaftlichen Debatte durchzusetzen.

Womit ich gerne zum Spiegel insgesamt überleiten würde.

Aus meiner Sicht gilt das, was Sie diesen unfairen, vorgeblichen Vorkämpferinnen der Frauen zurecht vorwerfen, genauso für den Spiegel als Ganzes.

Ständige Bestätigung der linken Stammleserschaft in ihrem festgefahrenen Weltbild

Ich habe mich damals sehr darüber aufgeregt, als der Spiegel banale Verfehlungen im Leben des Christian Wulff aufgebauscht hat und es nicht mehr um die Sache, sondern um die mediale Vernichtung seiner Person ging. Da wäre aus meiner Sicht eine dicke, fette Entschuldigung bei Herrn Wulff angemessen.

Doch auch der heutige Spiegel und Spiegel Online bedienen sich der von Ihnen kritisierten Methoden. Beispiel Roland Koch: In einem Artikel (http://www.spiegel.de/plus/bilfinger-wie-roland-koch-den-konzern-an-den-rand-des-ruins-brachte-a-2f96245d-678a-4e33-afd9-f45565aac355) beschuldigt der Autor Herrn Koch, den Bilfinger Konzern an den Rande des Abgrunds geführt zu haben. Doch wie der zur Amtszeit Kochs nie unter 27 Euro gefallene Aktienkurs beweist, entspricht das nicht der Wahrheit.

Ich vermute, dass Koch ein gutes Feindbild abgibt für den typischen Spiegel-Leser und der Artikel deshalb auf dieser Falschaussage fußt. Genauso kann ich mich nicht erinnern, über Herrn Seehofer, Christian Lindner oder die FDP je etwas Positives bei Ihnen gelesen zu haben.

Als ich vor einigen Monaten mit dem Spiegel lesen begann, da freute ich mich größtenteils über die Bestätigung meiner eigenen Meinung. Denn was der Spiegel blöd findet, gefällt mir meist auch nicht (FDP, Lindner, Rassismus, Koch, Maschmeyer).

Doch mittlerweile ist das Maß voll und ich bin es leid, in meiner Meinung bevormundet zu werden. Ich bin es leid, nur Negatives über Horst Seehofer oder Donald Trump zu lesen. Es ärgert mich, dass ich mich an keinen einzigen Artikel in Ihrem Heft erinnern kann, der Probleme der Integration von Flüchtlingen thematisiert hätte. Befürchten Sie, dass Ihre Leser dann auf die Barrikaden gehen, wie sie es bei der Zeit-Journalistin getan haben, als diese gegen die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer argumentiert hat (übrigens auch eine Kolumne von Ihnen, die mir gefallen hat)? Oder glaubt man in der Spiegel-Redaktion, dass ein flüchtlingskritischer (und gleichzeitig realistischer) Text die dumme Bevölkerung noch weiter nach rechts rückt? Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Vielen wird es gehen wie mir. Sie fühlen sich bei Themen wie der Flüchtlingskrise nicht neutral informiert von Medien wie dem Spiegel. Sie misstrauen deshalb mehr und mehr den Meinungsmachern und Eliten dieses Landes (Politiker, Medien) und einige glauben irgendwann an gar nichts mehr, so dass die Wahl der AFD Ausdruck des Protests ist.

Der Spiegel zementiert die Fronten zwischen Links und Rechts

Der Spiegel bedient einseitig die eigene, linksgerichtete Stammleserschaft und trägt damit zur Spaltung der Gesellschaft bei. Ein anderes Beispiel ist die implizite Unterscheidung zwischen linker und rechter Gewalt bei Ihnen. Es wird fast ausschließlich rechte Gewalt thematisert und, natürlich zurecht, kritisert. Ein Beispiel: Wieso berichten Sie nicht über Gewalt und Straftaten gegen AFD-Politiker? Ich meine einmal davon gehört zu haben, dass diese oft davon betroffen sind. Linke Gewalt findet viel weniger Beachtung und wird, falls thematisiert, dann nach meiner Einschätzung wohlwollender betrachtet.

Nicht jeder Mensch, der sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ausspricht ist ein Rassist oder ein schlechter Mensch. Doch das Problem ist, dass in Ihrem Heft keine redaktionellen Artikel geschrieben werden, die diese Meinung vertreten. Allenfalls gibt es mal ein Interview mit jemandem, der eine andere Sicht auf die Thematik hat.

Mein Text ist länger geworden, als ich vorhatte. Es steckt viel Emotion drin. Sicherlich ist das alles jetzt nicht neu für Sie, sondern im Wesentlichen die Kritik Ihrer Ex-Leser, über die es auch schonmal einen lesenswerten Artikel im Spiegel gab. Ich gebe zu, auch gute Artikel kommen vor:)

Ich schreibe nicht umsonst an Sie, sondern weil ich in Ihnen eine kritische Person sehe, die am ehesten für eine differenziertere Berichterstattung im Spiegel eintreten könnte.

Viele Grüße aus Bonn

Steffen Tiemann


Herr Fleischhauer hat leider nicht auf meinen Leserbrief geantwortet. Wofür ich jedoch durchaus Verständnis habe bei der großen Menge, die Spiegel-Redakteure sicherlich an Post erhalten.

 

 

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Autor: Alltagsoekonom

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