Wirtschaft einfach leben

Warum Spielezeitschriften schwer unabhängig testen können

| 4 Kommentare

Früher habe ich fast jede Ausgabe der PC Games und der Gamestar gelesen. Dabei stellte sich mir nie die Frage, ob diese Zeitschriften PC-Spiele wirklich unabhängig bewerten. Ich sah dies als selbstverständlich an. Erst einige Jahre entdeckte ich, ausgerechnet in einer PC-Spielezeitschrift  einen Artikel über die Abhängigkeit von Spieleindustrie und -zeitungen. Dieser berichtete von engen Verflechtungen zwischen Herstellern und Magazinen…


Ich beziehe die folgenden Gedanken auf PC-Spielemagazine. Sie sind meiner Meinung nach jedoch auch für Spielemagazine aus anderen Bereichen, wie X-Box,Playstation ,Wii oder Zeitschriften für mehrere Systeme gültig.

Für Spielemagazine ist die Gestaltung des Titelblatts sehr wichtig, denn ein Großteil der Magazine wird am Kiosk verkauft. Nicht selten liest man daher auf dem Titel Schlagzeilen wie ,,Exklusiver Vorabtest von Spiel X“ oder ,,Exklusiv angespielt: Spiel X“. Die Spiele müssen natürlich Spiele sein, die einen Großteil des (potenziellen) Publikums interessieren, also vor allem aus dem Strategie- und Actionbereich.

Ein BeiSpiel: Damals, als ich diese Zeitschriften noch regelmäßig gelesen habe, gab es ein Spiel, das in fast jeder Ausgabe auf dem Cover von PC Games und Gamestar war: Black & White. Ein Spiel, was von beiden Zeitschriften (und wohl auch von den übrigen) schon vor dem Ercheinungstermin unglaublich gehypt wurde. Ständig gab es irgendwelche neuen Exklusivinfos, Interviews mit dem Hauptentwickler Peter Molyneux, Poster und sonstige Berichte, die groß auf dem Cover angekündigt wurden. Das Spiel wurde mit jeder Menge Vorschusslorbeeren überschüttet. Die Gamestar hat am Ende das Spiel mit 85% bewertet, PC Games gar mit 92%. Gamestar bezeichnet das Spiel also als gut, PC Games sogar als herausragend.

Ich habe Black&White auch gespielt. Das einzig revolutionäre war die Spielidee, denn man konnte im Spiel eine Art Gott spielen und über die Menschen herrschen. Zudem konnte man sich, wie beim Tamagotchi, eine Kreatur erziehen. Ansonsten war das Spiel meiner Meinung nach, vorsichtig ausgedrückt, unterdurchscnittlich. So sehen es auch viele Andere: Mittlerweile haben 79 Gamestar-Leser das Spiel nur mit einem Durchschnitt von 74%(!) bewertet.

Einzelne Spielemagazine bekommen also exklusive Rechte und exklusive Informationen von den Entwicklern/Publishern eingeräumt und steigern dadurch ihre Verkaufszahlen und ihren Gewinn. Liegt es dann nicht nahe, dass sich die Spielezeitschriften revanchieren in Form einer Kaufempfehlung an die Kundschaft? Es scheint mir so, als wäre dies beim Spiel Black&White so geschehen.

Außerdem sind Werbeanzeigen ein wesentlicher Einnahmefaktor für Spielemagazine. Und wer schaltet diese Werbeanzeigen? Richtig, vor allem die Spieleindustrie. Die Zeitschriften könnten auch deshalb geneigt sein, bessere Bewertungen von Spielen von Herstellern vorzunehmen, durch die sie diese Werbeeinnahmen generieren.

In regelmäßigen Abständen verkaufen PCGames&Co ihre Ausgaben mit einer Spiele-Vollversion. Diese Vollversion ist meist 1-2 Jahre alt. Dabei wird oft bereits auf dem Cover auf die eigene, gute Bewertung des Spiels in Form einer Bewertungszahl hingewiesen. Theoretisch wäre es möglich, dass Spielezeitschriften sich das Recht auf die Beigabe des Spiels als Vollversion schon vorher mit einer guten Bewertung erkaufen. Der Publisher erhöht dadurch seine Verkaufszahlen bevor das Spiel dem Heft beiliegt durch die gute Bewertung und das Magazin kann beim Verkauf des Magazins mit der tollen Beilage werben. Dies soll jetzt nur den prinzipiellen Machanismus beschreiben, d.h. es kann sein, dass die Zeitschrift trotzdem noch einen bestimmten Geldbetrag für die Rechte der Veröffentlichung der Vollversion bezahlen muss und sich durch die gute Bewertung nur einen ,,Rabatt“ verdient.

Spielemagazine können jedoch nicht uneingeschränkt mit der Industrie kooperieren, denn mit jeder ,,falschen“ Bewertung sinkt die Glaubwürdigkeit des Magazins. Dies führt dazu, dass die Leser den Kaufempfehlungen des Magazins weniger trauen und macht die Zusammenarbeit  für die Industrie weniger profitabel. In der Realität könnte also die große Herausforderung für die Spielezeitschriften darin liegen, einerseits glaubwürdig zu bleiben und andererseits lohnenswerte Deals mit den Herstellern abzuschließen.

Zum Abschluss möchte noch ein letztes Beispiel dafür geben, dass diese Zeitschriften mit der Industrie in einem Boot sitzen. Ich habe mir vor kurzem die Zeitschrift ,,Games Aktuell“ am Kiosk gekauft. Der Ausgabe 05/2012 liegt sowohl ein Max Payne 3-Poster, als auch ein Einkaufsführer für die Playstation Vita bei. Auf dem Cover wird dann mit den beiden ,,Gratis-Extras“ geworben. Ich schreibe zum Poster mal vorsichtig: Der Publisher wird es begrüßen , dass ein Spiel-Poster in der Zeitschrift erscheint. Wesentlich interessanter ist jedoch der PS Vita Einkaufsführer: Kein kritisches Wort zu Konsole und Spielen, sondern ein reines Werbeheft. Und wieder einmal profitiert sowohl die Industrie, als auch das Magazin…

Hier noch ein Video. Ein Spieleredakteur erzählt, wie es in der Branche abläuft:

[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

Autor: Alltagsoekonom

Der Volkswirt schreibt hier über persönliche und ökonomische Lebensführung, über Gerechtigkeit und über Gesellschafts- und Kartenspiele. Er freut sich immer über Kommentare, Feedback und Kooperationsgesuche. Sehr gerne über das Kontaktformular dieser Seite oder per Mail. Ansonsten ist der gute Herr auch bei google+ zu erreichen.

4 Kommentare

  1. Und als Gegenbeispiel kann man hier mal Internetmagazine wie 4players anführen, die teilweise vernichtend urteilen – und deren Wertungen oft das Gegenteil der Printmagazine sind.

  2. Ich glaube den Redakteuren fällt es oft so schwer die Titel richtig zu beurteilen, da sie a) sehr viel spielen müssen und so eine ganz andere Sicht auf Spiele haben, als jemand der privat Spiele spielt und b) ist es schwer etwas emotionalem eine Wertung aufzudrücken. Ein Spiel kann sehr gut gemacht sein, aber einem einfach nicht zusagen, einen anderen aber total vom Stuhl hauen.

    Auch die Testberichte beeinflussen Spieler sehr. Wenn ich mir einen Bericht durchlese, dann habe ich danach auch gewisse Erwartungen. Im Beispiel Black & White waren die Spieler vorher evtl. auch einfach nur zu „gehyped“ und somit auch kritischer. Mir ist vor allem mal etwas aufgefallen, als ich einen Bericht erst gelesen hatte, nachdem ich das Spiel durchgespielt hatte. Im Bericht wurden viele Sachen bemängelt, die ich selber überhaupt nicht mitbekommen habe.

    PS. Ich glaube nicht das sich Redakteure bestechen lassen und in der Regel kommen die Wertungen ganz gut hin.

    • Hallo Nope,

      ich würde den Spielezeitschrift-Redakteuren auch nicht vorwerfen, dass sie bewußt bestechlich sind, aber dennoch gibt es diese Abhängigkeit von der Industrie, die irgendwo doch beachtet werden muss.

      Auf jeden Fall ein interessanter Punkt, dass die ständig spielenden Redakteure eine andere Sichtweise auf Spiele haben als der typische Gelegenheitsspieler.

  3. Habe den Beitrag erst jetzt entdeckt.

    Die Redakteure selbst sind eigentlich nicht käuflich aber die Verlage abhängig (Anzeigenschaltung etc.).
    Einer meiner Bekannten war in den 90er Jahren Redakteur bei der ASM und arbeitete bis ins neue Jahrtausend freischaffend für Spielezeitschriften.
    Wie er mir erzählte, erhalten die Redakteure vom Verlag besonders bei Spielen großer Publisher Vorgaben bestimmte Bewertungen nicht zu unterschreiten. Das ist bei allen Magazinen so und bei großen Onlinemagazinen wohl auch nicht anders, wenn sie auf die Refinanzierung durch Anzeigenschaltungen nicht verzichten wollen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.