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Warum Trainer im Profifußball zu schnell entlassen werden

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Jedes Jahr werden in der Fussball-Bundesliga und in anderen Top-Ligen unzählige Trainer entlassen. Teilweise werden Trainer bereits nach wenigen erfolglosen Spielen gefeuert. Ein Extrembeispiel stellt dabei in dieser Saison Hertha BSC Berlin dar, dessen Manager Michael Preetz in dieser Saison nach Markus Babbel und dem Kurztrainer Michael Skibbe mit Otto Rehagel bereits den dritten Übungsleiter beschäftigt.

Schaut man sich im Vergleich die Vorstandsvorsitzenden der DAX-Konzerne an, fällt auf, dass sich diese Personen weitaus langfristiger in ihrer Position halten können. So ist etwa Herbert Heiner, der Vorstandsvorsitzende von Adidas seit 2001 in dieser Position angestellt. Michael Diekmann ist seit 2003 in der höchsten Management-Position und Norbert Reithöfer bekleidet seit 2006 das höchste Amt bei BMW. Die drei genannten Manager arbeiteten schon sehr lange in ihren Konzernen. Deshalb kann man argumentieren, dass sich diese Personen bereits auf unterschiedlichsten Positionen im Konzern bewährt haben und deshalb längerfristiges Vertrauen genießen. Dies stellt einen Gegensatz zum Fußballgeschäft dar, in dem Trainer in vielen Fällen ,,von außen“ kommen und könnte auf den ersten Blick ein Grund für die längerfristigen Engagements von Spitzenmanagern sein. Jedoch gibt es auch Fälle, in denen Vorstandsvorsitzende von anderen Unternehmen verpflichtet werden, wie etwa Peter Löscher, Vorstandschef bei Siemens (seit 2007) oder Jürgen Großmann, Vorsteher bei RWE (von 2007 bis voraussichtlich Mitte 2012). Auch diese Top-Manager großer Konzerne üben ihr Amt über mehrere Jahre aus.

Was ist also der Unterschied zwischen Fussball und (sonstiger) Wirtschaft, der dafür sorgt, dass Trainer ein deutlich kürzeres Haltbarkeitsdatum besitzen?

Meiner Meinung nach sind dies im Wesentlichen zwei Dinge:

1.Die Medienpräsenz und ungerechtfertigte Mediendruck im Fussball, die die Verantwortlichen zu frühzeitigen Trainerentlassungen verleitet.

2.Die Rolle des Zufalls in der kurzfristigen Perspektive.

Heute ein Held(t)- und morgen der Depp der Nation?

Insbesondere scheint mir die Kombination beider Faktoren für die häufigen Trainerwechsel verantwortlich zu sein. Ich finde es unglaublich, wie schnell Trainer von unseren Print- und Onlinemedien hochgelobt bzw. niedergemacht werden. Nehmen wir als Beispiel Lucien Favre: Er hat Borussia Mönchengladbach in hoffnungsloser Lage zum Klassenerhalt geführt und wird mit fast derselben Mannschaft wohl in diesem Jahr die Champions League-Qualifikation erreichen. Das ist sicherlich ein Erfolg, aber: In diesem Jahr lief für die Gladbacher alles wie am Schnürchen. Im Fussball ist oft zu beobachten, dass eine Mannschaft einen Lauf hat und eine Saison über ihrem Niveau spielt. So war es schon damals, als Favre noch die Hertha in Berlin trainiert hat und im ersten Jahr Dritter wurde, und im nächsten Jahr nach Abgang mehrerer Leistungsträger (Voronin, Simunic, Pantelic) mit der neuen Mannschaft in Abstiegsnot geriet und entlassen wurde.

Ich möchte hier nicht bestreiten, dass Lucien Favre ein guter Trainer ist, sondern Folgendes kritisieren: Dieselben Journalisten, die Favre in diesem Jahr in den Himmel loben, werden ihn im nächsten Jahr bei Misserfolg zum ,,schlechtesten Trainer aller Zeiten“ niederschreiben.
Fussball ist in der kurzen Frist sehr stark vom Zufall und von sich selbst verstärkenden Faktoren beeinflusst. In einem Spiel über 90 Minuten kann auch die schwächere Mannschaft mit Glück ein Spiel gewinnen und sich dadurch Selbstvertrauen für weitere Spiele holen. Die gesamte Medienbranche lebt jedoch von Geschichten über Erfolg und Misserfolg, von vereinfachter Darstellung, von Helden und Trotteln und das ist der Grund, warum in allen Medien die Relativierung von Lob und Kritik und der Hinweis auf den Einfluss des Zufalls in der kurzfristigen Betrachtung kaum eine Rolle spielt.

Ich bin ein großer Fan von Thomas Schaaf und dem Modell von Werder Bremen. Seit 1999 ist er Trainer bei Werder Bremen und hat die Mannschaft zu einer Meisterschaft, mehreren Pokalsiegen und Champions League-Teilnahmen geführt. Auch in der Krise und dem Abstiegskampf der vergangenen Saison hat Klaus Allofs zu ihm gehalten und damit weiter auf Kontinuität gesetzt. Ein weiteres Beispiel ist der SC Freiburg, der über 16 Jahre denselben Cheftrainer angestellt und mit diesem neben mehreren Auf- und Abstiegen auch zwei UEFA-Pokalteilnahmen erlebte.

Studien sprechen gegen den positiven Effekt von Trainerentlassungen

Wissenschaftliche Studien zu Trainerentlassungen belegen, dass Trainerwechsel im Durchschnitt ohne positive Auswirkungen bleiben. Spiegelonline berichtete im April 2011 von einer Studie von A.Heuer und mehreren Kollegen. In dieser Studie untersuchten Heuer und seine Mitarbeiter mehr als 150 Trainerwechsel in der Fußballbundesliga von 1963 bis 2009. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Mannschaften, die den Trainer wechseln, die gleichen Ergebnisse erzielen wie Mannschaften in ähnlicher Situation, die am Trainer festhielten. Demnach wurden Trainer meist nach mehreren Spielen mit insgesamt sehr schlechter Tordifferenz entlassen. Die Forscher machten dabei die Tordifferenz und nicht etwa die erreichten Punkte als wesentlichen Indikator für die Spielstärke einer Mannschaft aus. Mit dem neuen Übungsleiter verbesserte sich zwar die Lage aus Sicht der Tordifferenz, jedoch konnten die im Amt verbleibenden Trainer die gleichen Verbesserungen herbeiführen.

Die Website derberater.de berichtet von Untersuchungen des Effektes von Trainerentlassungen in der niederländischen Ehrendivision. Demnach kam Prof. H.P. van Dalen zu dem Ergebnis, dass die Trainerentlassungen in der Saison 1993/1994 positive Effekte zur Folge hatten. Dabei darf jedoch bezweifelt werden, ob die Ergebnisse bei einer derart geringen Stichprobe in einer Saison statistisch aussagekräftig sind. R.H. Koning von der Universität Groningen berichtete in einer Studie aus dem Jahr 2000, dass van Dalen mit den Ergebnissen aus der Saison 1993/1994 richtig liege, aber der Effekt der Trainerentlassungen in den folgenden Jahren deutlich weniger stark war.
Insgesamt scheint die Untersuchung von Heuer und seinen Kollegen den größten Aussagegehalt zu haben. Demnach haben Trainerentlassungen im Durchschnitt keine positiven Auswirkungen auf die Ergebnisse einer Fußballmannschaft.

Gebt den Trainern mehr Zeit!

Ich möchte mit diesem Artikel keinesfalls aussagen, dass jeder Trainer bei langfristigem Engagement ähnlich erfolgreich sein kann wie Finke oder Schaaf, aber man sollte den Trainern Zeit geben. Verantwortliche sollten sich bemühen, sich nicht derart schnell dem Mediendruck zu beugen. Die Medienberichterstattung wird sich wohl nicht groß ändern, denn reißerische Schlagzeilen und Übertreibungen bringen die gewünschte Aufmerksamkeit und Auflage.

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Autor: Alltagsoekonom

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3 Kommentare

  1. Ein Aspekt fehlt bei der Betrachtung von Trainerentlassungen noch. Nämlich das Verhältnis Spieler – Mannschaft, was nicht ganz unwesentlich zum Erfolg einer Fußballmannschaft beiträgt. Ein Trainer muss gut mit der Mannschaft klarkommen. Die Mannschaft muss die taktischen Anweisungen umsetzen können, der Trainer muss authentisch und geradlinig sein, aber auch Begeisterung entfachen können. Durch umstrittene Methoden und Trainigsweisen kann es zu Spannungen zwischen Trainer und Mannschaft kommen. Im Endeffekt sitzen die Spieler hier am längeren Hebel, denn ein Verein wird nie 8-10 unzufriedene Spieler rauswerfen, sondern dann am ehesten den Trainer. Die Position des Trainers wird auch oftmals dadurch geschwächt, dass sich die Spieler beim Vorstand „ausheulen“ können. So entsteht Druck auf die handelnden Personen, ein zerrüttetes Verhältnis Mannschaft-Trainer durch die Entlassung des Übungsleiters zu lösen. Auch wird öfter die Floskel gebraucht „Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr“. Da kann durchaus etwas dran sein. Vielleicht gelingt es einem neuen Coach die Motivation der Spieler wieder zu erhöhen, Begeisterung zu wecken und durch kluge Personalentscheidungen den Erfolg in die Mannschaft zurückzubringen. Kurzfristig kann das durchaus zum Erfolg führen, aber diese Mechanismen können sich auch wiederholen, so dass ein neuer Trainer auch wieder in der Kritik steht, falls nach einem kurzen sportlichen Höhenflug wieder der Mißerfolg zurückkehrt.

    • Ich denke auch, dass es in bestimmten Fällen sinnvoll sein kann, den Trainer zu feuern,
      etwa wenn das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer, wie du richtig schreibst,
      zerrüttet ist.

      Aber Studien zeigen eben, dass in der Gesamtbetrachtung Trainerentlassungen keinen positiven
      Effekt haben, auch nicht kurzfristig. Also wird dieser Faktor, dass ein neuer Trainer wieder
      ,,für frischen Wind“ sorgt, allgemein überschätzt.

      Außerdem gehe ich davon aus, dass gute Trainer, etwa aus meiner Sicht Thomas Schaaf, so viel
      Sozialkompetenz besitzen, dass es nur in wenigen Fällen zu solch einem schlechten Verhältnis
      zwischen Trainer und Team kommt. Des Weiteren können Trainer, sobald sie im Amt sind, meist großen
      Einfluß auf die Kaderplanung nehmen und auf den Charakter der Spieler achten. So liegt es dann
      letztlich noch mehr in der Verantwortung des Trainers, mit der Mannschaft klarzukommen.

      Eine Sache noch, Lexy: Dein Kommentar ist besser zu lesen, wenn du ihn in Abschnitte einteilst.

  2. Thomas Schaaf, der Trainer von Werder Bremen, ist ein gutes Beispiel für solide Trainerarbeit. Er bekommt aber auch sehr starke Rückendeckung vom Vorstand, was nicht selbstverständlich ist. Leider kann auch Schaaf in den letzten zwei Jahren keine Weiterentwicklung der Mannschaft mehr bewirken. Im letzten Jahr spielte Bremen gegen den Abstieg, diese Saison wurde die Europa-League verpasst. Thomas Schaaf ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich ein Trainer nach sehr langer Zeit auch mal abnutzen kann. Das Bremer Spiel wirkt ideenlos und irgendwie scheint Schaaf sein Team auch nicht mehr richtig einstellen zu können. Deshalb wäre ich dafür, dass bei einer weiteren Saison mit vielen Misserfolgen auch Bremen mal über einen Trainerwechsel nachdenken sollte.

    Ein weiterer Aspekt für Trainerwechsel: Jeder Trainer hat sein eigenes System und vertraut meistens den gleichen Leuten. Spieler, die nicht zur ersten Elf gehören, könnten sich längerfristig als unwichtig vorkommen, wenn sie nur zu Kurzeinsätzen kommen oder gar nicht spielen. In der Viererkette hinten spielen immer die gleichen Leute, genau wie auf den Sechserpositionen und der zentrale Stürmer ist auch oft gleich. Bleiben also nur 2-3 Positionen, die man mal wechseln könnte. Im schlimmsten Fall hat der Trainer 11 zufriedene Spieler und mindestens genauso viele unzufriedene Spieler, die nie zum Zug kommen.

    Neue Impulse für einen Verein in Form eines neuen Trainers sind nie verkehrt. Natürlich sollte ein neuer Trainer eine Zeit von mindestens zwei Jahren bekommen, um seine Arbeit unter Beweis zu stellen. Ganz langfristige Lösungen wie Thomas Schaaf sind aber die Ausnahme, zumal er in Bremen auch in Ruhe arbeiten kann, was in Städten wie Hamburg, Köln oder München ganz anders ist, auch weil die Medienlandschaft dort sehr viel ausgeprägter ist als in Bremen. Sofern der sportliche Erfolg vorhanden ist, kann der Trainer natürlich viele Jahre weitermachen bei einem Klub. Aber bei anhaltenden Misserfolgen empfiehlt es sich auch nicht, noch Jahrelang am Trainer festzuhalten, wenn der Vorstand sieht, dass der Trainer quasi nichts mehr bewirken kann. Deswegen ist in manchen Fällen eine Trainerentlassung unumgänglich, auch wenn dies eher die Ausnahme sein sollte und nie überstürzt geschehen sollte.

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