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Wie weit wollt ihr gehen? Der Medienfall Hoeneß

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Ist das nicht super? Ein Mann hat alles verloren, was ihm lieb ist: Seinen Posten beim FC Bayern, sein Geld und zusätzlich wandert er für dreieinhalb Jahre in den Knast. Und das ist nicht alles: Sein Ruf in Deutschland ist für alle Zeiten ruiniert.

Die Zeitungen haben den Fall Hoeneß medial ausgeschlachtet und dabei wieder einmal Grenzen überschritten. Zwei Beispiele von Spiegel Online möchte ich, stellvertretend für andere Medien nennen. Ein Text trägt die Überschrift „Ein ganz gewöhnlicher Krimineller“.

Ein weiterer Text erschien mit folgender Headline: „Steuersünder Hoeneß: Der Narzisst“. Letzterer Text ist besonders perfide, denn er stellt Hoeneß als selbstverliebten Typen dar, der sich unerhörterweise auch noch Gedanken macht, welchen Eindruck er vor Gericht vermittelt.


Den Text zum Narzissten Hoeneß hätten sich Hoeneß-Hasser nicht besser ausdenken können. Diese Leser denken dann: „So isser halt der Hoeneß, ich habs schon immer gewusst. Lebenslänglich hätte er bekommen sollen, dieses A****loch.“

Es widert mich an, wie sich die Medien in den letzten Tagen auf Hoeneß gestürzt haben und die Ereignisse vor Gericht in Livetickern übertragen haben. Den Spiegel nenne ich hier nur exemplarisch, weil ich öfter dort vorbeischaue. Haargenau wurde in den Medien seziert, wieviel Geld Hoeneß zeitweise durch seine Zockereien auf dem Konto hatte und wie er einen Großteil des Geldes danach wieder verlor.

Sezierte Zockereien und Emotionen von Hoeneß vor Gericht

Auch die Süddeutsche Zeitung hat sehr detailliert von Hoeneß-Prozess berichtet. Ein SZ-Reporter etwa schildert, dass Hoeneß die ganze Zeit mit dem kleinen Finger gezuckt habe und sein Kopf dunkelrot gewesen sei. Ist das denn ein Wunder, dass Hoeneß nervös ist in seinen schwärzesten Stunden?

Wozu dienen diese detaillierten Berichte über Hoeneß Zockereien und seine Nervosität vor Gericht? Sie befriedigen einzig das voryeuristische Interesse des Zuschauers, insbesondere das der Hoeneß-Hasser, die sich an seinem Leid ergötzen.

Eine ähnliche Meinung äußerte Christoph Metzelder über Twitter: „Jetzt, da Justitia gesprochen hat, könnte die Häme aufhören!“

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich Steuerhinterziehung für ein Verbrechen halte, für das Hoeneß bestraft werden muss. Doch diese perverse Geilheit daran, eine am Boden liegende Person medial zu vernichten, verursacht in mir einen starken Brechreiz. Die Medien schreiben das, was ein Großteil der Menschen lesen möchte. Und bei all der Häme, die ich in den Artikeln zwischen den Zeilen rauslese, kommen mir ernste Zweifel am Zustand unserer Gesellschaft.

Einzelheiten haben keinen Zweck außer Voyeurismus

Welches ernstzunehmende öffentliche Interesse besteht am Fall Uli Hoeneß wirklich? Man kann argumentieren, dass das Urteil tatsächlich eine Signalwirkung auf andere Steuerbetrüger haben könnte. Aber jegliche Einzelheiten über Hoeneß‘ Charakter oder dessen Gefühle vor Gericht dienen der Sensationsgier der Masse. Die Menge an Dreck, die Hoeneß von den Medien abbekommen hat, ist unerträglich und stinkt zum Himmel. Hoeneß ist durch den Verlust seiner Ämter, seines Geldes, seiner Freiheit und seines Ansehens mehr als genug gestraft.

Mal davon abgesehen, hat ein Uli Hoeneß nicht nur negative Seiten. Sein soziales Engagement sollte keinesfalls mit der Steuergeschichte verrechnet, aber ebensowenig vergessen werden. Großartig fand ich auch, dass Sebastian Deisler in seiner Biographie davon erzählt, wie Hoeneß ihm in seinen dunkelsten Stunden geholfen hatte.

Jetzt, da der Fall Hoeneß abgeschlossen ist, können sich die Medien wieder dem Fall Pistorius zuwenden. Da gibt es schließlich auch noch einen, der alles zu verlieren droht. Armes Deutschland.

photo credit: Hubert Burda Media via photopin cc

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Autor: Alltagsoekonom

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