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Warum viele Daytrader vor Spielsucht die Augen verschließen

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In unzähligen youtube-Videos wird das Leben als sogenannter Daytrader in den höchsten Tönen gelobt. Ausgiebig werden die Vorteile aufgezählt, etwa dass man sein eigener Chef und örtlich nicht gebunden ist. Der Trader benötigt einen Internetzugang und ein Zugangsgerät – dann kann er auch am Strand von Rio de Janeiro mit Aktien, Rohstoffen oder Währungen handeln.

Ein nicht zu unterschätzender Nachteil fällt jedoch fast in jeder Dokumentation zum Thema Daytrading unter den Tisch: Das kurzfristige Spekulieren auf Kursverläufe von bestimmten Unternehmensaktien, Rohstoffen oder Währungen hat ein hohes Suchtpotenzial.

Der Fall Uli Hoeneß war ein prominentes Beispiel dafür: Laut eigener Aussage in der Wochenzeitung „Die Zeit“ verlor Hoeneß vollkommen die Kontrolle über sein Geld und die Zeit – ständig checkte er Aktienkurse über ein mobiles Anzeigegerät, er investierte wahnsinnige Summen und setzte sie letztlich in den Sand.

Daytrader handeln üblicherweise in einer Form, dass Sie für einen Zeitraum von wenigen Minuten bis einigen Stunden eine Position halten und diese dann auflösen. Üblicherweise funktioniert dies so, dass Wertpapiere mit einem hohen Hebel gehandelt werden: So verliert und gewinnt der Händler bei einer Handelsaktion deutlich mehr, als er dies etwa beim normalen Handel mit einer Aktie tun würde.

Bei vielen Handelsplattformen, Broker genannt, kann der Börsenspekulant selbst bestimmen, wie hoch der Hebel sein soll, das heißt wie sehr er mit einer Position ins Risiko geht. Ein hoher Hebel und eine große Menge Kontrakte sorgen dafür, dass sich auch minimalste Kursänderungen gravierend auf das Vermögen des Akteurs auswirken.

Emotionale Achterbahnfahrt durch Gewinne und Verluste

Der Händler kann also, bei Wahl eines hohen Risikos, in kurzer Zeit viel gewinnen und auf der anderen Seite viel verlieren. Dasselbe gilt für Roulettespieler im Kasino oder Menschen, die um hohe Summen pokern. „Moment!“, werden die Pokerspieler und die Börsenfans jetzt sagen: „Wir betreiben kein Glücksspiel, sondern wir handeln strategisch und mit einem positiven Erwartungswert. Auf lange Sicht werden wir mit unseren Aktivitäten Gewinne erzielen. Außerdem ist es wichtig, bei einzelnen Positionen nur wenig Geld zu riskieren.“

Dem möchte ich nicht widersprechen. Ich bin mir sicher, dass es Leute gibt, die auf Dauer durch ihr Geschick mit Börsenhandel und Pokerspiel Gewinne machen. Das wird jedoch nur eine relativ kleine Gruppe von Personen sein. Der Großteil der Menschen an der Börse macht auf Dauer Verluste, schon weil der Broker für jede Handelsaktivität eine Gebühr verlangt. Hinzu kommt, dass viele Menschen nicht die Disziplin im Risikomanagement besitzen und daher wachsende Risiken auf sich nehmen.

Bedenkenswert finde ich vor allem, dass Spielsucht so selten im Zusammenhang mit dem kurzfristigen Zocken an Börsen genannt wird. Vom Börsenhändler haben die Menschen in Deutschland scheinbar immer noch das Bild vom rationalen Analytiker, der rein verstandesmäßig an der Börse agiert. Verheerend wird es, wenn ahnungslose Börsenzocker, die in diesem Haifischbecken horrende Verluste anhäufen, von sich selbst das Bild des verstandgesteuerten Anaytikers haben.

„Spielsucht? Ach wo, wir handeln doch an der Börse.“

Ohne genaue Zahlen zu kennen, glaube ich, dass diese Verblendung das Problem von vielen Menschen ist. Sie reden sich ein, die Märkte zu verstehen und vorhersagen zu können, dabei setzen Sie viel zu große Summen nach unsinnigen Kriterien oder ihrer trügerischen Intuition  und landen aus purem Zufall immer mal wieder Treffer. Diese Zufallsergebnisse dienen dann als leuchtendes Beispiel für den eigenen Scharfsinn – Verluste werden dagegen sofort wieder aus dem Gedächtnis gestrichen. Warum etwa findet man in Finanzforen wie aktienboard.com keinen Artikel zum Thema Spielsucht?

Im Extremfall folgt in solchen Fällen erst nach Jahren des Geldverbrennens das böse Erwachen. Die Menschen haben Schuldenberge angehäuft, soziale Beziehungen sind in die Brüche gegangen. Dasselbe, was auch anderen Spielsüchtigen im Endstadium wiederfährt.

Es bleibt festzuhalten: Der kurzfristige Börsenhandel birgt ähnliche Risiken wie das exzessive Zocken am Roulettetisch. Daytrader müssen mit Gewinn- und Verlustphasen gleichermaßen fertigwerden. Ich vermute, dass eine nicht unbedeutende Zahl der Händler nach und nach der Spielsucht verfällt.

photo credit: sputnik- via photopin cc

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Autor: Alltagsoekonom

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2 Kommentare

  1. Die Einschätzung deckt sich vollkommen mit meiner persönlichen und leidvollen Erfahrung. Es wäre hilfreich, wenn diese Form der Spekulation für Privatmenschen reguliert würde (d.h. in letzter Konsequenz verboten). Sie hat keinen Nutzen.

  2. Der Wunsch des Menschen nach dem schnellen Geld hat schon so manchen in den Abgrund getrieben. Und zeitgleich macht es einige umso reicher. Sogenannte Experten zeigen, wie sie reich geworden sind und verkaufen ihre „Geheimtipps“. Einfach mal ein Buch lesen, zum Beispiel von Andre Kostolany, dann erkennt man ganz schnell, dass der schnelle Reichtum nur Illusion ist.

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